Nach oben ist noch Luft. Nach unten offenbar auch.
Vom Weltall zur Blödheit ist es gedanklich zunächst ein ziemlich weiter Weg. In meinem Fall hat er sich allerdings als überraschend begehbar erwiesen.
Eines meiner Hobbys ist die Astronomie. Nicht in dem Sinne, dass ich nachts mit komplizierten Geräten irgendwelche Himmelskörper vermesse. Ich betreibe sie eher in der komfortableren Variante: Andere bedienen die Geräte, stellen die Berechnungen an, und ich beschränke mich darauf, die Ergebnisse anschließend vom Sofa aus kritisch zu würdigen. Ich schaue mir also ganz gern Sendungen darüber an und lasse mir von Menschen, die erheblich mehr davon verstehen, erklären, was sich da draußen eigentlich abspielt.
In einer dieser Sendungen ging es irgendwann um Licht und Dunkelheit, und eher beiläufig wurde eine Frage gestellt, die zunächst mehr nach Philosophie als nach Astronomie klang: Ist Dunkelheit eigentlich etwas Eigenständiges? Die Antwort war überraschend schlicht. Licht ist etwas. Dunkelheit dagegen nicht. Sie ist lediglich die Abwesenheit von Licht. Wenn kein Licht da ist, bleibt nicht noch irgendeine Substanz namens Dunkelheit übrig. Es ist einfach dunkel.
Ich fand diesen Gedanken damals ausgesprochen interessant. Vielleicht auch deshalb, weil man im Alltag selten darüber nachdenkt, ob etwas, das ganz offensichtlich vorhanden zu sein scheint, möglicherweise gar nichts Eigenständiges ist. Ich legte die Erkenntnis also irgendwo im hinteren Teil meines Gedächtnisses ab und ging zunächst nicht davon aus, dass sie noch einmal von praktischem Nutzen sein würde.
Das änderte sich einige Zeit später. Ich war beim Fernsehen eher zufällig in eines jener Formate geraten, bei denen bereits die Szenerie und die anwesenden Personen zuverlässig erkennen lassen, welcher Anspruch an diesem Abend nicht mehr erhoben werden soll. Normalerweise reicht dafür ein Bruchteil einer Sekunde: Bild sehen, Lage erfassen, geistigen Totalschaden vermeiden, weiterdrücken,. Ich tat es nicht. Vermutlich lag es an einer gewissen optischen Geschlossenheit, die mir aus wissenschaftlichen Sendungen vertraut vorkam. Auffällige Regelmäßigkeiten verlangen dort gewöhnlich nach einer Erklärung. Hier führte die Spur ziemlich schnell zur Besetzung.
Die Männer sahen so aus, wie Männer in solchen Formaten aussehen sollen, die Frauen entsprechend weiblich, und auch bei der sonstigen optischen Grundausstattung setzte man auf bewährte Standards. Die Wortbeiträge ließen vermuten, dass abstraktes Denken nicht in jeder Auswahlrunde entscheidend war. Wobei auch dieser Eindruck natürlich täuschen konnte. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass jemand im Fernsehen erfolgreich den Eindruck völliger geistiger Unbeschwertheit vermittelt und man später erfährt, dass er nebenbei Kernphysik studiert hat. Das Ego lässt grüßen. Insofern wäre es unfair, den Beteiligten vorzuwerfen, dass sie anschließend genau das lieferten, wofür man sie offensichtlich ausgesucht hatte.
Während die Wortbeiträge so ihren Lauf nahmen, gingen meine Gedanken längst eigene Wege. Zwischen zwei Beiträgen meldete sich diese alte Geschichte mit Licht und Dunkelheit zurück, die ich damals interessant gefunden und anschließend zuverlässig im Gedächtnis abgelegt hatte. Warum ausgerechnet jetzt, konnte ich mir zunächst nicht erklären. Es war eine dieser Assoziationen, die ungefragt auftauchen und erst hinterher so tun, als hätten sie von Anfang an einen Plan gehabt. Und plötzlich war der Gedanke da: Wenn Dunkelheit nur die Abwesenheit von Licht ist – wie verhält es sich dann mit Intelligenz und Blödheit? Ist Blödheit ebenfalls nur das, was übrigbleibt, wenn die Intelligenz fehlt? Oder ist sie etwas Eigenständiges? Die erste Variante wäre natürlich angenehm. Sie hätte den Vorteil, dass man Blödheit gar nicht weiter erklären müsste. Wo die Intelligenz endet, beginnt eben die Blödheit. Licht aus, dunkel. Intelligenz aus, blöd. Übersichtlich, leicht zu merken und für den vorurteilsbeladenen Alltag völlig ausreichend.
Nur scheint das nicht zu funktionieren. Ärzte rauchen. Banker zocken. Richter irren. An fehlender Intelligenz kann es also nicht immer liegen. Und bei manchen ausgesprochen schulintelligenten Menschen haben besondere Begabung und das wirkliche Leben nur eine erstaunlich kleine Schnittmenge.
Dazu kommt, dass selbst die Intelligenz offenbar nicht als schlichtes Einheitsmodell ausgeliefert wird. Mathematisch, sprachlich, musikalisch, räumlich, sozial – jemand kann in einem Bereich ausgesprochen leistungsfähig und in einem anderen deutlich weniger beeindruckend sein. Offenbar ist Intelligenz ressortweise organisiert. Dass zwischen den einzelnen Abteilungen ein regelmäßiger Informationsaustausch stattfindet, sollte man dabei nicht voraussetzen. Warum ausgerechnet die Blödheit einfacher organisiert sein sollte, wäre damit zwar noch nicht geklärt. Ganz symmetrisch muss das natürlich nicht sein. Gemessen am Gegenstand wäre es sogar nachvollziehbar, wenn sie mit einer übersichtlicheren Modellpalette auskäme.
Entscheidender war ohnehin etwas anderes: Das bloße Vorhandensein von Intelligenz reicht offenbar nicht. Man muss sie gelegentlich auch benutzen. Das klingt banal, wird aber erstaunlich gern übersehen. Intelligenz hat nämlich den Nachteil, dass ihr Einsatz Mühe machen kann. Sie prüft, vergleicht, zweifelt und kommt gelegentlich zu dem wenig befriedigenden Ergebnis, dass die Dinge komplizierter sind, als man sie gerne hätte. Eine Nutzungspflicht scheint das Vorhandensein von Intelligenz jedenfalls nicht auszulösen. Das ist vermutlich auch besser so. Eine entsprechende Überwachung wäre organisatorisch kaum zu leisten.
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr bekam ich den Eindruck, dass wir die Blödheit möglicherweise zu Unrecht nur als Mangel betrachten. Vielleicht ist sie ebenfalls ein Werkzeug. Nur eines, dessen Gebrauch deutlich weniger Vorbereitung verlangt. Intelligenz muss man gelegentlich aus dem Schrank holen. Man muss sie einsetzen wollen, und wenn es schlecht läuft, macht sie anschließend auch noch Arbeit. Blödheit scheint dagegen so häufig gebraucht zu werden, dass es sich kaum lohnt, sie überhaupt wegzuräumen.
Das könnte einen Teil ihres Erfolgs erklären. Intelligenz hat die lästige Angewohnheit, bei eindeutigen Antworten noch einmal nachzufragen. Sie entdeckt Gegenargumente, betrachtet Dinge von mehreren Seiten und kann im ungünstigsten Fall sogar Zweifel an einer Meinung wecken, mit der man sich gerade bequem eingerichtet hatte. Blödheit ist da unkomplizierter. Sie kommt mit weniger Material zu einem Ergebnis und hat den Vorteil, dass Zweifel das Verfahren nur selten verzögern.
Wer eine Sache von mehreren Seiten betrachtet, braucht naturgemäß länger als jemand, der bereits mit der ersten zufrieden ist. Vielleicht steckt darin auch ein Körnchen Wahrheit in der gelegentlich gehörten Behauptung, Intelligenz mache schüchtern. Wer lange genug über eine Sache nachdenkt, entdeckt irgendwann Gründe, warum er sich irren könnte. Wer rechtzeitig damit aufhört, kann seine Meinung erheblich selbstbewusster vertreten. Für die Außenwirkung ist das nicht zu unterschätzen.
Damit bekam die Blödheit plötzlich Eigenschaften, die man ihr zunächst nicht zugetraut hätte. Sie spart Zeit, reduziert Komplexität und ermöglicht Entscheidungen, bevor die Faktenlage durch unnötige Vollständigkeit belastet ist. Und damit stellte sich die nächste Frage: Wenn Blödheit tatsächlich so nachteilig ist, wie allgemein behauptet wird, warum hat die natürliche Selektion das Problem nach einigen hunderttausend Jahren noch immer nicht zufriedenstellend bearbeitet?
Vielleicht war Blödheit gar nicht durchgehend nachteilig. Denn ein Wesen, das jede Situation umfassend analysiert, alle Gegenargumente würdigt und seine Annahmen kritisch überprüft, steht unter Umständen noch nachdenklich vor dem Gebüsch, während der andere längst weggerannt ist. Unter solchen Bedingungen kann schnelle Vereinfachung ausgesprochen praktisch sein. Vielleicht hat die Evolution die Blödheit also nicht übersehen. Vielleicht hielt sie sie für ausreichend zweckmäßig, um sie zu behalten.
Das würde erklären, warum sie sich bis heute in bemerkenswerter Breite erhalten hat. Wir haben es offenbar mit einem echten Querschnittsthema zu tun. Nur wenige menschliche Eigenschaften überwinden Bildungs-, Berufs- und Milieugrenzen so mühelos. Akademische Abschlüsse bieten keinen zuverlässigen Schutz, beruflicher Erfolg ebenfalls nicht, und selbst ein hoher Intelligenzgrad scheint eher eine günstige Voraussetzung als eine Garantie zu sein. In Sachen gesellschaftlicher Durchlässigkeit ist die Blödheit damit bemerkenswert modern. Sie kennt kaum Zugangshürden und lässt sich auch durch beruflichen oder gesellschaftlichen Aufstieg nur begrenzt beeindrucken.
Erstaunlich ist ohnehin weniger ihre Verbreitung als die Sicherheit, mit der wir sie erkennen. Vor allem bei anderen. Bei uns selbst ist die Lage naturgemäß komplizierter. Wenn ich eine ausgesprochen schlechte Entscheidung treffe, kenne ich schließlich die Umstände. Ich war müde, unter Zeitdruck, schlecht informiert oder hatte gute Gründe, die sich im Nachhinein lediglich als weniger gut erwiesen haben. Wenn jemand anderes dieselbe Entscheidung trifft, lassen sich solche Hintergründe erfreulich schnell ausschließen. Dann war es eben blöd. Das Verfahren hat sich im Alltag bewährt: Eigene Blödheit verlangt nach Erklärung, fremde häufig nur nach Feststellung. Das spart Bearbeitungszeit.
Spätestens an diesem Punkt begann mir aufzufallen, dass meine Untersuchung eine unangenehme Richtung nahm. Denn wenn Blödheit tatsächlich ein Querschnittsthema ist, gab es keinen überzeugenden Grund, warum ausgerechnet der Untersuchende außerhalb der Stichprobe stehen sollte. Ich bin durchaus bereit einzuräumen, in meinem Leben Dinge getan zu haben, die sich im Nachhinein nicht mehr vollständig aus den damals vorhandenen geistigen Möglichkeiten erklären lassen. Allerdings gibt es bei der eigenen Blödheit einen entscheidenden Unterschied: Man kennt die Gründe. Das verändert die Bewertung erheblich.
Was von außen wie eine ausgesprochen schlechte Entscheidung aussieht, war aus der Innenperspektive vielleicht Zeitdruck, Vertrauen, schlechte Information oder eine Verkettung widriger Umstände, die sich genau in dem Moment gegen einen verschworen hatten, in dem man selbst nur eine eher überschaubare Rolle spielte. Mit etwas gutem Willen findet sich fast immer eine Erklärung.
Und hier könnte die Intelligenz der Blödheit sogar noch einen Gefallen tun. Wer intelligent genug ist, verfügt meist auch über bessere Möglichkeiten, sich nachträglich zu erklären, warum eine Entscheidung, die objektiv nicht zu den Glanzpunkten der eigenen Biografie gehört, unter den damaligen Umständen durchaus vertretbar war. Das wäre eine unerfreuliche Arbeitsteilung: Die Blödheit trifft die Entscheidung, und die Intelligenz übernimmt anschließend die Pressearbeit.
Vielleicht liegt genau darin auch der Grund, warum Blödheit bei anderen so viel leichter zu erkennen ist. Dort fehlt uns das gesamte Begleitmaterial. Wir sehen nur das Ergebnis und müssen uns nicht durch die Begründungen arbeiten. Bei uns selbst wird dagegen jeder Einzelfall sorgfältig gewürdigt. Das dürfte erklären, warum man mit zunehmender Lebenserfahrung nicht unbedingt mehr eigene Blödheit entdeckt, dafür aber eine bemerkenswerte Zunahme bei anderen feststellen kann. Statistisch wäre das vermutlich erklärungsbedürftig, persönlich erscheint es vollkommen plausibel.
Damit war auch klarer, welche Rolle der Zweifel in der ganzen Angelegenheit spielt. Nicht als großer Gegenspieler der Blödheit, sondern als lästiger Störenfried. Im Grunde ist er die interne Revision des Denkens und hat wie diese die unangenehme Eigenschaft, einen Vorgang wieder zu öffnen, den man längst für abgeschlossen hielt. Bist du sicher? Hast du etwas übersehen? Könnte der andere ausnahmsweise recht haben? Schon die letzte Frage ist im Alltag eine Zumutung. Aus einer klaren Meinung wird plötzlich wieder ein offener Vorgang. Man muss noch einmal hinschauen, vielleicht etwas nachlesen und unter besonders ungünstigen Umständen sogar die eigene Auffassung ändern. Das kostet Zeit, macht Mühe und kann dazu führen, dass man jemandem recht geben muss, dem man diese Genugtuung eigentlich nicht gönnen wollte.
Blödheit ist da deutlich serviceorientierter. Sie sorgt frühzeitig für klare Verhältnisse und schützt zuverlässig vor unnötiger Nachbearbeitung.
Nur war damit noch nicht geklärt, was Blödheit eigentlich ausmacht. Zu wenig Intelligenz allein konnte es nicht sein, denn viel Intelligenz schützt erkennbar nicht vor ihr. Bloß verkürztes Denken reichte als Erklärung ebenfalls nicht, denn Abkürzungen benutzen wir alle, und häufig funktionieren sie hervorragend. Man kann nicht jede Entscheidung behandeln, als hinge von ihr die weitere Entwicklung der Menschheit ab. Manchmal denkt man nicht weiter, weil es zu anstrengend wird. Manchmal reichen die eigenen Möglichkeiten tatsächlich nicht weiter. Und gelegentlich kommt beides ausgesprochen harmonisch zusammen.
Interessant wird es vielleicht erst dort, wo aus der verkürzten Strecke anschließend die feste Überzeugung entsteht, man habe damit auch das Ziel erreicht. Vielleicht ist Blödheit also gar nicht zu wenig Intelligenz. Vielleicht ist sie die Gewissheit, nachdem man mit dem Denken etwas früher fertig war.
Und genau hier zerfiel meine schöne Analogie mit Licht und Dunkelheit endgültig. Wenn man das Licht ausschaltet, bleibt Dunkelheit. Wenn man die Intelligenz vollständig ausschalten würde, bliebe dagegen noch nicht einmal Blödheit. Ein Stein ist schließlich nicht intelligent, aber deswegen noch lange nicht blöd. Für Blödheit muss schon etwas passieren. Es muss gedacht, entschieden, beurteilt oder wenigstens ein Ergebnis produziert werden. Blödheit ist also offenbar nicht einfach die Abwesenheit von Intelligenz. Sie braucht sogar etwas davon, um überhaupt stattfinden zu können – ohne sich anschließend besonders eng an deren Qualitätsstandards zu halten.
Meine ursprüngliche Frage konnte ich damit zwar nicht endgültig beantworten. Aber die Sache mit Licht und Dunkelheit war zumindest geklärt. Licht muss nur vorhanden sein, um die Dunkelheit zu vertreiben.
Bei Intelligenz scheint das nicht zu reichen.